Liebesdroge stillt Sehnsucht

Sehnsucht kann man nach allem Möglichen haben. Beim Begriff Sehnsucht kommt uns jedoch vermutlich zuerst die Sehnsucht nach einem geliebten Menschen in den Sinn. Die Sehnsucht ist ein starkes Gefühl, das viel Raum einnehmen, ja manchmal sogar völlig von uns Besitz ergreifen kann. Sehnsucht ist ein spannendes Thema, wie ich finde. Was also hat es auf sich mit der Sehnsucht? Ist es normal, Sehnsucht zu fühlen oder sollten wir uns hier tatsächlich einmal ernsthaft in Frage stellen? Die Autorin Chris, die ich sehr herzlich hier im Blog begrüße,  hat sich hierzu einmal Gedanken gemacht...


Jossele und die Sehnsucht


Neulich sagte mir jemand, mein guter alter Freund „Jossele“ (falls ich mir den Namen und die Figur einmal ausleihen darf) mit diesem mitleidigem Unterton, der eher von oben herab klingt als herzlich: „Ich beneide diejenigen nicht, die keine Sehnsucht empfinden können. Ich empfinde große Sehnsucht…“
Meine spontanen Gedanken dazu waren: Ich dagegen beneide niemanden, der Sehnsucht empfindet. Im Gegenteil. Ehrlichen Herzens hat derjenige, der so sehnsüchtig ist, mein tiefes Mitgefühl, mein Mitleid. Doch da ich mich mit Jossele des Öfteren auseinandersetze und dabei gelernt habe, dass spontane Äußerungen eben oft ‚unüberlegt‘ wenn nicht gar unreflektiert sind, habe ich inne gehalten und mich selbst gefragt: Was stimmt denn mit Dir selbst nicht Chris?


Die Welt ist voller Sehnen


Wir alle haben Sehnsüchte. Ich sehne mich nach der „guten“ alten Zeit, ich sehne mich nach Ruhe, ich sehne mich nach meinen Kindern, ich sehne mich nach Glück, ich sehne mich in meinen Urlaub zurück, ich sehne mich nach Aufmerksamkeit, nach Zuwendung, nach Zärtlichkeit, Geborgenheit, nach Liebe… Ich warte sehnsüchtig auf meinen nächsten Urlaub, meine Beförderung, auf „bessere“ Zeiten, auf die große Liebe und ich sterbe vor Sehnsucht nach Dir. Romeo und Julia, wir leiden mit Werther und werden vom Winde verweht, während wir mit dem Bodyguard die Brücken am Fluss überqueren, das alles aus Sehnsucht und vor lauter Liebe. Doch nicht jedes Drama ist eine Tragödie: Castle und Beckett finden sich, das Modell schnüffelt glücklich bis an ihr Lebensende und bei Fifty Shades of Grey kommt am Ende Farbe rein… Liebe und Sehnsucht scheinen unbedingt zueinander zu gehören. Jossele brachte es auf den Punkt: „Ohne Sehnsucht ist es keine Liebe!“ Ich wusste, ich müsste ihm eigentlich Recht geben. Bin ich von meinem Liebsten getrennt, sehne ich es/ihn herbei. Wieso dann dieser innere Widerstand von mir, dem vorbehaltlos zuzustimmen? Habe ich etwa Angst, mich der Sehnsucht hinzugeben, weil das tragisch enden könnte? Bin ich doch neidisch auf all jene, die voller Sehnsucht sind und mag mir das nicht eingestehen? Was genau stört mich an der Sehnsucht, wenn ich selbst mich doch nach bestimmten Gefühlen/Ereignissen sehne? Praktisch wie ich nun oft veranlagt bin, habe ich das Wort „Sehnsucht“ dann unterteilt. Da ich das „Sehnen“ empfinden kann, habe ich wohl Probleme mit dem Wort: Sucht. 


Sehnen als Sucht


Und da war er, mein wunder Punkt. Sucht ist das andere Wort für Abhängigkeit. Jede Sucht ist gekennzeichnet durch Abhängigkeit von etwas und/oder jemandem. Abhängigkeit und Sucht sind medizinische Begriffe, um eine Krankheit zu beschreiben. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Sehnsuchtsbegriff tatsächlich „krankhaft schmerzliches Verlangen“ beschreibt. „Krank vor Liebe“ einer dieser geflügelten Worte, die den ungesunden Zustand schön umschreiben, auch wenn sie sich noch so heroisch anhören. Verwunderlich scheint mir auch nicht, dass hauptsächlich die Psychologie und Psychiatrie als Fachgebiete dieser Krankheit gelten. Viele psychisch kranke Menschen sind ebenfalls „süchtig“ und viele „süchtige“ Menschen sind psychisch krank. Das wechselseitige Bedingen bezieht sich also eher auf Sehnsucht und psychisch krank als auf Liebe und Sehnsucht.
Ehe ich hier viele Worte mache, bemüht um Erklärungen, Ausschweifungen, Definitionen und deren Abgrenzungen zum Suchtbegriff, möchte ich jeden bitten, einmal in sich zu fühlen, wenn er die Worte hört: „Ich sehne mich nach Dir. Ich sehne mich nach Deiner Liebe“ und „Ich bin süchtig nach Dir. Ich bin süchtig nach Deiner Liebe“. Oder: „Ich sehne mich nach Sex“ und „Ich bin sexsüchtig“. Wollen wir denn mit der Sehnsucht unser immens großes Verlangen ausdrücken, so tun wir dieses auch: krankhaft schmerzliches Verlangen nach einem Idealzustand, von dem wir immer „mehr“ und „mehr“ wollen, nie genug bekommen.


Sehnsucht nach Liebe


Sehnsucht nach Gefühlen ist oft gleich zu setzen mit unerfüllte Bedürfnisse zu haben. Wenn es sogar Thesen dazu gibt, dass wir alle Bedürfnisse durch uns selbst stillen können, zumindest aber in uns selbst stillen sollten, bevor wir sie auch „verschenken“ können, dann frage ich mich: Was ist das für eine Liebe, die krankhaft fordert, verlangt, dass mein Sehnen gestillt wird? Wenn Liebe zur Droge wird, um Sehnsucht zu stillen, dann beneide ich niemanden. Im Gegenteil, dann habe ich tiefes Mitgefühl, kann das LEID nachempfinden, denn SehnSucht muss tragisch enden. Obwohl wir Eifersucht immer auch in Zusammenhang mit Liebe gesehen haben: ‚ohne Eifersucht ist es keine Liebe‘ , haben wir den Begriff der „Eifersucht“ in Zusammenhang mit Liebe durch ein geflügeltes Wort in Frage gestellt: „EiferSucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft“. Ich möchte nun gern Josseles Satz: „Ohne Sehnsucht ist es keine Liebe“ zumindest in Frage stellen, in dem ich behaupte, dass keine Sucht in Zusammenhang zur Liebe steht. Denn Liebe und Abhängigkeit können nur in Zusammenhang stehen, wenn äußere Umstände wie beispielsweise Eltern und Kinder die Abhängigkeit begründen. Und da liegt die Vermutung sehr nahe, dass Menschen mit großer Sehnsucht gern wieder schmerzlich, krankhaft nach dieser Eltern-Kindbeziehung verlangen, sie diesen Zustand süchtig herbei sehnen. Doch das kann niemand erfüllen. Sehnsüchtige Liebe bleibt unerfüllt, erfüllte Liebe bedarf keiner Sehnsucht, höchstens eines Sehnens. Und so sind wir selbst diejenigen, die das Drama des Lebens zu einer Tragödie werden lassen oder es zu einem „Happy end“ bringen, in dem wir entweder sehnsüchtig lieben oder die Liebe als Erfüllung erleben.


Quellen zu "Liebesdroge stillt Sehnsucht"
Foto: clipdealer.de






Kommentare :

  1. Sehr schöner Artikel. Ich finde, dass Sehnsucht wirklich ein Verhängnis ist, da es ja Unzufriedenheit bedeutet, denn wir sehnen uns nach etwas anderes und sind nicht zufrieden mit der jetzigen Lage.
    Liebe Grüße,
    Die eine in der Masse

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    1. Hallo du "Die eine Besondere in der Masse" ...das sehe ich auch so, wir sehnen uns nach etwas, dass uns vermeintlich fehlt, das uns heil macht. Aber all das müssen wir uns im Grunde erst einmal selbst ausreichend geben können, bevor wir in der Lage sind, es von außen auch umfassend und wertschätzend anzunehmen. Hätten wir selbst genug davon, hätten wir auch keine Sehnsucht, würden aber im Überfluss bekommen, was uns so gut tut... Liebe Grüße Benno

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